can_you_hear_me?

EINE PRODUKTION DES FIGURA THEATERFESTIVALS IN BADEN (SCHWEIZ) IN CO-PRODUKTION MIT THEATER KONSTELLATIONEN

 

Die Gefängniszelle als Bedingung zur Vereinzelung. Fern vom Stadtgetümmel, bringt sie jeden Besucher dazu, allein zu sein, bei sich. Aus der Enge der Zelle heraus laden wir zu einer akustischen Reise ein.

Holen Sie sich die Welt in Ihre Isolation! Machen Sie sich Ihren Raum zu eigen und gestalten Sie sich Ihre kleine Welt hinter den Mauern des Stadtturms Baden. Für die akustische Möblierung sorgen wir, Sie bestimmen das passende Interieur!

Presse

7. Figura-Theaterfestival – Der eigene Kopf als Bühne (von Bettina Wegenast)

KJL ONLINE

Das 7. Figura-Theaterfestival fand wiederum in dem schweizerischen Städtchen Baden statt. Überall hingen sie, die gelbe Fahnen, die anzeigten, dass auch in diesem Haus eine Veranstaltung stattfand. 

[...] Mit "Can you hear me?" ist dem Festival eine höchst originelle Eigenproduktion gelungen. Die Aufführung, eine "interaktive Toninstallation", fand im ehemaligen städtischen Gefängnis statt. Jeder der je 12 Besucher erhielt einen Schlüssel, der ihm Zugang zu einer eigenen Zelle und damit zu einer eigenen Geschichte verschaffte. Jede der Zellen war mit Requisiten ausgestattet, die für eine bestimmte Stimmung sorgten; "meine" Zelle war mit einem weißen Tuch ausgekleidet und auf dem Boden fanden sich Wasser, Waschschüssel und Seife. In sich wiederholenden Tonfragmenten wurde mir nun die Geschichte einer Kindsmörderin erzählt - einer Figur, die durchaus hier im Gefängnis hätte eingesessen sein können (auch wenn die Kritzeleien an den Wänden eher auf männliche Insassen deuteten). In der knappen halben Stunde, die das Hörstück dauerte, gelang es den Machern, bei den Insassen eine Flut an eigenen Bildern zu provozieren und ihnen damit aufzuzeigen, dass der eigene Kopf noch immer eine der besten Bühnen ist. "Can you hear me?" als wunderbare und sehr luxuriöse Form, einem dies wieder einmal bewusst zu machen. [...]

Das Projekt

AUSGANGSPUNKT

Ausgangspunkt für die interaktive Toninstallation CAN_YOU_HEAR_ME? war die Aufforderung der Festivalleitung des FIGURA Theaterfestival 2006, einen Projektentwurf für den Stadtturm von Baden einzureichen.

In der Auseinandersetzung mit dem Ort, der bis Mitte der achtziger Jahre als Untersuchungsgefängnis gedient hat, setzte sich ein Fragenkomplex prägend fest: Wie muss sich die Tonkulisse für einen Insassen angehört haben? Was ergibt sich für ein akustisches Gesamtbild in der Zelle, inmitten der Stadt im Innern dieses Turmes?

Wie ist das Verhältnis von realem Innen- und Aussenraum und dem, was der Insasse kraft seiner Imagination hinzufügt? 

Die Komponenten: Die Geräusche, die von aussen in den Turm dringen, die Geräusche aus den anderen Zellen (oder sind es gar Botschaften?), das Radio auf dem Sims – und die Klänge und Stimmen im eigenen Kopf.

Die Zelle als Topos der Vereinzelung — das Kabel als Lebensader. 

Bei CAN_YOU_HEAR_ME? handelt es sich nicht um ein sozialgeschichtliches, sondern um ein Kunstprojekt. Die Gefängniszelle ist zwar Kernpunkt der Installation, jedoch nicht in ihrem zeitgeschichtlichen Kontext. Was uns interessiert, ist die Zelle als Bedingung zur Vereinzelung. Das betrifft die Klosterzelle genauso wie die Gefängniszelle. 

Die Zelle interessiert uns in einer Doppelfunktion: Den Bewohner schliesst sie aus vom Aussen, sie schliesst ihn ein oder weg. Sie zwingt ihn dazu, allein zu sein, bei sich. Ein Prozess, der vielleicht schmerzhaft ist, verstört. – Doch wir stellen unserem Besucher eine Palette von Klängen zur Verfügung, mit denen er seine Zelle verschönern kann. Aus der Enge der Zelle heraus kann er sich auf eine akustische Reise begeben. Der Raum öffnet sich.

 

CAN_YOU_HEAR_ME?

Zentrum der Installation, die sich im Grenzbereich zwischen Theater und Ausstellung bewegt, ist der Besucher selbst. Wir konfrontieren ihn an einem ungewohnten Ort mit etwas vermeintlich Gewohntem: sich selbst. Für einen kurzen Zeitraum wird er isoliert. Der Besucher betritt einen aus einfachen Objekten und Klängen gestalteten Raum. Er erhält akustische Botschaften. Er kann mit einer Palette von Klängen den Raum akustisch weiterentwickeln. – Noch ist er ganz für sich, bald aber geht er auf Sendung und wird selbst zum Botschafter…

EIN VIRTUELLER BESUCH IN UNSERER INSTALLATION

HALLO, WIR BEGRÜSSEN SIE!
Kurz vor Beginn der angekündigten Zeit betreten Sie als einer von zwölf Besuchern den Stadtturm zu Baden. Im ersten Geschoss, das Sie über die Freitreppe erreichen, werden Sie begrüsst. Sie fühlen sich wie in einer Herberge, zumindest gibt es einiges, was Sie daran erinnert. Sie werden über die Ausstattung der einzelnen Zellen informiert. Denn, so lernen Sie, es gibt ganz verschiedene: Eine, deren Boden mit weichem Sand bedeckt ist, eine, in der Sie Tomatenpflanzen giessen können, eine, in der es einen mit Bier gefüllten Kühlschrank gibt, und wieder eine andere, in der dutzende Birken stehen. – Sie werden neugierig und wählen eine aus. Sie werden in Ihre Zelle geführt, man wünscht Ihnen alles Gute und schliesst hinter Ihnen die Tür. Es erklingt eine Stimme, die Sie mit nützlichen Informationen versorgt. Sie werden sie im Verlaufe ihres Aufenthaltes noch öfter hören. Wir nennen sie die Interventionsspur.

MAN LÄSST SIE ALLEIN.

Akustisch. Erst mal! Sie müssen nichts tun, dürfen aber. Je nach Zelle gibt es allerlei anregende Details: Sie kramen in Fotos, Sie putzen Schuhe oder Sie kochen sich einen Espresso. Das Interessanteste aber ist ein Mischpult mit Reglern, das in der Zelle steht. Dadurch haben Sie die Möglichkeit, sich auf insgesamt drei Tonspuren akustisches Material in die Zelle holen: Teils Stimmen, teils aber auch atmosphärische Klänge, durch die Sie den Grundcharakter Ihrer Zelle verändern können. Holen Sie sich die Welt in ihre Isolation! 
Die Klappe an Ihrer Tür öffnet sich und ein Kopfhörer wird hineingereicht.

ES IST BESUCHSZEIT.

Sie können sich nun gegenseitig in Ihren Zellen besuchen – akustisch, versteht sich. Wer wen wann besucht, hängt jedoch nicht von Ihnen ab, sondern von der Tonregie. Ihr Raum kann so geschaltet werden, dass er von den anderen gehört wird. Sie werden für einen Moment zum Sendezentrum. Alle anderen hören Ihren Raum, so wie Sie ihn sich akustisch eingerichtet haben. Sie sind der Mittelpunkt. 
Plötzliche Stille. Sie sind wieder allein. Nichts hören Sie. Die Zeit dehnt sich in der engen Zelle.

DIE ERLÖSUNG

Die Tür wird geöffnet. Sie dürfen hinaus treten und werden zurück in den Eingangsbereich geführt. Dort erwartet Sie eine Überraschung. Wir werden Ihnen einen kleinen Imbiß servieren.

Dieser letzte Teil bildet einen wichtigen Part unserer Arbeit und knüpft an Erfahrungen aus den Toninstallationen ALPINARIUM_3 und IN GROSSMUTTERS HAUS an. Die Besucher haben ein grosses Bedürfnis, das Erlebte mit anderen zu teilen. Diese Gespräche begreifen wir als wichtigen Bestandteil unserer Installationen.