In Großmutters Haus

Eine Installation für 8 Zuschauer nach der gleichnamigen Erzählung von Stig Dagerman.

theaterKombinat Berlin und theater konstellationen
in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« Berlin, Abteilung Puppenspielkunst

Presse

Barbara Fuchs, double / Theater der Zeit, Dezember 2004

[...] Als Ereignis, als ganz neue Theatererfahrung, erlebte ich die Audioinstallation »In Grossmutters Haus« nach einer Erzählung von Stig Dagerman von theater konstellationen und theaterKombinat Berlin. Nur jeweils acht Besucher fanden in dem kleinen Raum Platz. Zunächst empfängt uns Dunkelheit. Ich höre Schritte, die durch den Raum gehen. Ich werde hellhörig. Geräusche hinter mir, neben mir, über mir. Auditiv erlebe ich den Raum. Als die Geschichte erzählt wird, bin ich schon ein Teil von ihr. Ich bin in Grossmutters Haus. Ich nehme die Perspektive des Jungen ein. In Fenstern werden Dinge sichtbar oder kurze Szenen. Der Junge sucht das Schweigen. Er will wissen, was dahinter ist. Ich erlebe die emotionale Spannung, die Widersprüche zwischen dem, was gesagt wird und dem, was ist. Die nicht bewältigte Vergangenheit wird zum Thema. Es gibt Zugluft, wir fühlen uns wie draussen, unter offenem Himmel. Plötzlich Erschütterung. Krieg und Tod sind auf einmal konkret und ganz dicht. Nach der Vorstellung empfängt uns im Foyer ein fein gedeckter Tisch. Wir kommen zusammen, essen, reden, sind achtsam miteinander. Das Theater hat uns die Sinne geöffnet.

Muriel Camus, Puppen, Menschen & Objekte 2004/2, Nr.91

Multikulturell und multitalentiert präsentierte sich der Nachwuchs auf dem Festival des jungen Figurentheaters in der Schaubude, Puppentheater Berlin.
[...] Meine Favoriten waren „Babelfisch Laboratorium“ von und mit Florian Feisel und die Inszenierung „In Großmutters Haus“ nach einer Erzählung von Stig Dagermanvom theater konstellationen und theaterKombinat Berlin.
[...] „In Großmutters Haus“ findet das Experiment nicht auf der Bühne statt, sondern mit uns Zuschauern selbst. In völliger Dunkelheit sitzen acht Zuschauer orientierungslos auf harten Hockern und horchen. Sie horchen auf die Geschichte des kleinen Jungen in Großmutters Haus: Flüsternd aus allen Richtungen kommen die Stimme der Großmutter, die Stimme des Jungen, der selbst auf die Stimme des im Krieg gefallenen Großvaters horcht. „Die Menschen“, sagt die Großmutter, „sind taub.“. Also strengen wir uns an und hören weiter zu. Fenster öffnen sich: der Stiefel des Großvaters erscheint im grellen Licht, ein Apfel wird geschält – Geräusche, ein Pendelwerk ohne Ton – das verblasste Bild eines Mädchens. Sind es Blut- oder Salztränen, die über ihr Bild rollen? Am Ende hören wir auch die Stimme des Großvater. Er ist nicht tot, er ruht sich nur aus. Wir gehen hinaus und nehmen diese Stimmung in uns mit zum Abendessen, das zu dieser Installation von Jonas Knecht, Lorenz Seib, Juliane Strittmatter und Marc Lippuner gehört. Es gibt Kürbissuppe, Brot und Äpfel, Wasser dazu. Wir, die acht Zuschauer, sitzen und horchen auf die klassische Musik, die aus dem Nachbarzimmer kommt. Eine sehr gelungene Inszenierung mit Hörspielqualität, die sowohl technische Perfektion als auch intensive Gefühle bietet.

Das Projekt

Die Geschichte

Auf der Suche nach dem Schweigen schleicht ein kleiner Junge durch das Haus seiner Großmutter. In einer Kammer entdeckt er die Stiefel seines toten Großvaters und lässt sich in ihnen auf eine Phantasiereise entführen. Aufgeschreckt durch das Rufen seiner Großmutter will er aus den Stiefeln wieder herauskommen und zerreisst dabei den Schaft. Unten in der Küche versucht er, sein Missgeschick zu verheimlichen und gerät immer mehr in Bedrängnis. Das Schweigen verwandelt sich in eine stumme Anklage, die überall lauert: Im Apfel, den die Großmutter schält, im Bild eines kleinen Mädchens auf der Kommode, in der Muschel auf dem Tisch. “Man kann alles hören, was man will”, sagt die Großmutter. Aber der Junge hört nichts, so sehr er sich auch anstrengt. Und langsam wächst das Böse in ihm, denn er erkennt, dass die einzige Möglichkeit, die Entdeckung des kaputten Stiefels zu verhindern, die ist, Angst zu schüren. Und so erzählt er der Großmutter, was er draussen zu hören scheint auf der dunklen Landstrasse: Einen schweren Wagen, Soldaten, einen bellenden Hund. Unweigerlich kommt er damit dem Schweigen im Haus auf die Schliche – der Geschichte des Großvaters, des kleinen Mädchens auf der Kommode, der Großmutter. Und er nähert sich seiner eigenen Geschichte, seiner eigenen Schuld und kann am Ende gemeinsam mit der Großmutter zurückkehren ins helle Haus.

Die Umsetzung

Uns fasziniert, in welchem Maße Dagerman Atmosphären schafft, sich dem Leser nähert, Dinge, Emotionen und Landschaften sinnlich wahrnehmbar macht. Spannend sind hierbei besonders die Gegensätzlichkeiten der inneren und der äußeren Realitäten. Der Bildhaftigkeit der dichten Sprache Dagermans möchten wir etwas entgegensetzen und neue Phantasieräume füllen. Wir nutzen Klang als kommunikatives Werkzeug und arbeiten deshalb sparsam mit optischen Eindrücken: Ein Apfel, der geschält wird, Laub, das fällt, Regentropfen, das Gesicht eines Mädchens, das plötzlich zu weinen anfängt, Großvaters Stiefel, die animiert werden oder Rindenmulch, der scheinbar atmet. Szenische Module werden verknüpft mit Hörspiel-Sequenzen. Wir entwickeln eine Soundscape, die in ihrer auditiven Wirkung komplettiert wird durch optische, haptische und olfaktorische Reize. Die Arbeit mit Räumlichkeiten lässt den Zuschauer nicht mehr bloß Publikum sein, sondern Teil einer Installation. Durch die begrenzte Publikumszahl geben wir dem Zuschauer die Möglichkeit zu einem intimen Erlebnis. Im dunklen Raum, in dem nur noch das Tröpfeln des Regens zu hören ist, öffnet sich die Tür nach draußen. Dort findet der zweite Teil unserer Arbeit statt. An einer gedeckten Tafel mit acht Stühlen nehmen die Zuschauer Platz. Porzellanteller mit dampfender Suppe, ein Brot, das in eine Leinenserviette gewickelt ist, ein Leuchter mit Kerzen – der Tisch der Großmutter? Möglicherweise. Hier kann ein Austausch stattfinden. Was bleibt, sind Gespräche von acht Menschen, die für vierzig Minuten eine Geschichte erlebt haben, jeder auf seine Weise. Wann das Stück wirklich zu Ende ist, bestimmt der Zuschauer. Er kann aufstehen und gehen. Theater beginnt immer im Kopf. Uns interessiert deshalb, wie verschieden die Publikumserfahrungen sind. Welche Assoziationen werden geweckt? Wie geht der Betrachter mit Abwesenheit und Erinnerung um? Wann überkommt den Zuschauer die Angst, der Installation ausgeliefert zu sein? Wir arbeiten in einer Black Box, einem 3x3x3m großen Raum, in dem 8 Zuschauer Platz finden. In diesem Raum sind Lautsprecherboxen verteilt, in den Wänden gibt es kleine Fenster, in denen sich Szenen abspielen. Die Geschichte, im Tonstudio aufgenommen, wird eingespielt und mit Audiosequenzen gemischt. Dabei arbeiten wir mit verschiedenen Tonspuren, mit Realgeräuschen und Ausschnitten aus Filmen. So ist es mithilfe der in der Black Box verteilten Lautsprecher möglich, akustische Räume entstehen zu lassen. Verblüffend echt scheint Dielenknarren, bewegen sich Schritte zwischen dem Publikum durch Laub, naht ein Gewitter heran, bis der Zuschauer nicht mehr zwischen Fiktion und Realität unterscheiden kann. Die Einschränkung der optischen Mittel erlaubt eine Vergrößerung der sinnlichen Wahrnehmbarkeit. In einem zweiten Raum ist die Tafel eingerichtet, an der acht Zuschauer Platz nehmen und gemeinsam essen können.

Der Autor

Stig Dagerman wird 1923 im schwedischen Ärvkarleby geboren, wo er bei seinen Großeltern aufwächst. Nachdem sein Großvater 1940 von einem Wahnsinnigen niedergestochen wird, entdeckt Dagerman das Schreiben: Aus dem Schmerz und der Konfrontation mit dem Tod wird ein neues Verlangen geboren, nämlich “Dichter zu werden, das heisst, aussprechen zu können, was es bedeutet: zu trauern, geliebt worden zu sein, einsam zu werden.” Die fünf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sind Dagermans produktivste. In dieser Zeit entstehen zahlreiche Romane und Erzählungen, von denen “Die Insel der Verdammten” (1946) und “Ein Kind töten” (1947; von Gösta Werner 1952 verfilmt) zu den bekannteren zählen. 1947 präsentiert Dagerman die Eindrücke seiner Reise durch das Deutschland der Nachkriegszeit in dem Reportagenband “Deutscher Herbst”. Sprachkünstlerisch an Kafka und Faulkner geschult, erinnern seine aus einem persönlichen Erleben der Angst und Einsamkeit heraus entwickelten existenzphilosophischen Gedanken an die abstrakter gedachten Philosophien Kierkegaards, Sartres und Camus’. “Alles was ich besitze, ist ein Zweikampf, und in jedem Augenblick meines Lebens tobt dieser Zweikampf zwischen den falschen Tröstungen, die bloss die Ohnmacht steigern und meine Verzweiflung vertiefen, und diesen echten Tröstungen, die mich hinführen zu einer flüchtigen Befreiung,” einer Befreiung im Wissen darum, “dass ich ein freier Mensch, ein unantastbares Individuum bin, eine innerhalb meiner Grenzen souveräne Person”. Schreiben bedeutet für Stig Dagerman ganz wesentlich, Distanz zu gewinnen, zu seiner Weltanschauung, seinen Gefühlen, vor allem jedoch zu der Rigorosität sich selbst gegenüber, zu seiner “teuflischen Krankheit”, die sich in einem ewigen Hass gegen sich selbst äußert. Dagerman, der sich zeit seines Lebens zu eben jenem Dasein verurteilt fühlt, begeht 31jährig Selbstmord.