Vrenelis Gärtli – Uraufführung

Nach dem Roman von Tim Krohn In einer Theaterfassung von Anita Augustin und Jonas Knecht

THEATER KONSTELLATIONEN IN CO-PRODUKTION MIT SOPHIENSAELE BERLIN, THEATER CHUR, FABRIKTHEATER ROTE FABRIK ZÜRICH


Heidi kennt jeder. Das Vreneli nicht. Dabei ist das Vreneli fast wie das Heidi, nur anders.

Vreneli kommt in den Schweizer Bergen zur Welt, in einem Stall, und ihre Mutter hat nicht viel Zeit für die Geburt. Kühe melken ist dort oben genauso wichtig, wie Kinder auf die Welt bringen. So sieht es das Vreneli auch, und sie macht sich wenige Minuten nach ihrer Geburt nicht weiter wichtig. Sie krabbelt auf allen Vieren (erste Minute), sie stellt sich auf zwei Beine (zweite Minute), sie lässt ihre Mutter in Ruhe weiter melken (dritte Minute) und läuft davon. Das alles kann Heidi nicht. Außerdem kann Heidi nicht als Fuchs durch die Wälder streifen, keine Blumen auf den weißen Firn pinkeln und keine handfeste Hungersnot übers Tal zaubern.

In „Vrenelis Gärtli“ erleben wir, wie das Vreneli geboren wird, was es so treibt, und woran es stirbt. Wiederauferstehung inklusive.

Wer kommt, ist dabei!

ALPENRAUM ALS HEIMAT

"Heidi, das Original", "Quatemberkinder" und "ALPINARIUM_3" – drei realisierte Projekte von theater konstellationen – haben sich mit dem Themenkomplex "Alpenraum als Heimat" beschäftigt. – "Vrenelis Gärtli" verdichtet diese Auseinandersetzung, und untersucht den Begriff "Heimat" weiter, wobei die Alpen nicht nur als konkrete, sondern auch als metaphorische Landschaft aufzufassen sind: Auch der Grossstädter ist dort zuhause, wo die Geborgenheit bisweilen zur unerträglichen Enge mutiert und der Absturz vom heimatlichen Gipfel zum freien bzw. befreienden Fall in die Fremde wird. Sehnsucht nach einem Ort, an dem man ankommen und bleiben darf, ohne es zu müssen, Sehnsucht nach einer Verwurzelung, die einen doch beweglich und "fremd" bleiben lässt – das sind die Themen, mit denen sich theater konstellationen auf seiner künstlerischen "Bergtour" beschäftigt.

Presse

KURZ UND KNAPP

«Ein magischer Theaterabend.» (Tages Anzeiger)

«Nicht weniger unter die Haut geht Vrenelis atemlose Erzählung von der Flucht vor dem bösen Hexer.» (Neue Zürcher Zeitung)

«Was die vier Schauspieler unter der Regie von Jonas Knecht am Mittwochabend im Theater Chur auf die Bühne brachten, nahm das Publikum von Beginn an gefangen. Wie gebannt verfolgte es das Geschehen in ‹Vrenelis Gärtli›. Zu Recht. Denn in der Uraufführung des Stückes von Anita Augustin und Jonas Knecht brillierte das Ensemble um Eleni Haupt, Anja Tobler, Mathias Flückiger und Mathis Künzler mit einer grandiosen schauspielerischen Leistung.» (Südostschweiz)

«Anna Trauffer (Kontrabass) und Matthias Weibel (Geige) rhythmisieren diesen bilderstarken Abend, in dem die Schauspieler (Eleni Haupt, Anja Tobler, Mathias Flückiger, Mathis Künzler) durch Witz wie ein variantenreiches Spiel glänzen.» (Aargauer Zeitung)

«Die Stahlwand als zentrales Element der Theaterbühne (Bühne und Ausstattung: Brigit Kofmel) ist der blanke Fels, an ihr wird herumgekraxelt, sie bietet Widerstand und Anlehnung. Eine Klagemauer. Ein Grenzort. An ihrer Oberfläche prallt das Fluchen, Maulen und Umenwetteren ab. Und das Echo der Juchzer, die so unvermittelt aus Mündern rollen, wie ein Steinschlag vom Berg. Eine unberechenbare Welt, mystisch, neblig, wortkarg.» (St.Galler Tagblatt)

Beitrag Schweizer Fernsehen: "angesagt" kulturplatz vom 27.01.2010

 

Zauberhafte Mär aus der Glarner Bergwelt
Berner Zeitung vom 14.01.2011 von Marina Bolzli

 

Die heimatlichen Berge sind beengend – aber nicht nur: Das beweist die grandiose Bühnenversion von Tim Krohns mythischem Alpenroman «Vrenelis Gärtli», im Schlachthaus-Theater.

Volksmusik und ein verzweifelt lauter Juchzer. Milch und Käs. Und Käs und Milch. Und Milch und Käs und Schuld. Im Schlachthaus-Theater ist die enge Glarner Bergwelt eingekehrt. Sie sitzt den Menschen im Nacken, symbolisiert durch eine glatte, steile Blechwand am hinteren Bühnenrand. Beengend und abergläubisch machend. In diese Welt hinein wird das Vreneli geboren, ein «bsungrigs» Wesen, eines mit einem «Tierli» in sich, einem «Füchsli». Schöpfer dieses Bergmädchens ist der gebürtige Deutsche Tim Krohn, der mit «Quatemberkinder» und der Fortsetzung «Vrenelis Gärtli» eine mystische Bergwelt kreiert hat, voll von zauberhaften und beängstigenden Wesen, die umgetrieben sind von der Frage, wer sich schuldig macht und ob die Schuld im Diesseits oder im Jenseits gebüsst werden muss. Seine Menschen sprechen eine sonderbare Sprache, ein nie gehörtes Gemisch aus Hochdeutsch und urchigen Dialektausdrücken, eine sehr rhythmische und musikalische Sprache.

Das theater konstellationen um den Ostschweizer Jonas Knecht hat nach «Quatemberkinder» nun auch «Vrenelis Gärtli» auf der Bühne umgesetzt. Sehr musikalisch, aus wenig Mitteln und mit viel Fantasie kreiert die Gruppe ihre eigene Version der Vriine und lässt den Autor und seine sonderbare Sprache dabei immer durchschimmern. Die Vriine nämlich hat kein leichtes Los, Kind des im Tal ungeliebten Fessisbauern, Mutter tot, wird es zum Bersiäneli geschickt. Das Bersiäneli, so sagt man, verbüsse seine Schuld auf Erden, und könne seit Jahrhunderten nicht sterben. Dafür zaubern. Und die Vriine wird wild und übermütig ins Handwerk eingeführt – nur dass sie sich dann dummerweise mit einem bösen Zauberer (Matthias Flückiger) anlegt. Hier schimmern Bergmythen durch, Märchen, die vom theater konstellationen lustvoll aufgenommen werden. Das Bersiäneli (Eleni Haupt) tanzt und krächzt, ihr Rabe (Mathis Künzler) wackelt und stöckelt, die Vriine (Anja Tobler) äugt und staunt und lernt. Aus wenig wird unglaublich viel gemacht – schauspielerisch, musikalisch und ausstattungsmässig. Die vier Schauspieler schlüpfen mühelos und immer glaubwürdig von einer Rolle in die andere und geben zwischendurch den Erzähler, damit das Publikum den Faden nicht verliert.

Anna Trauffer und Mathias Weibel begleiten das Stück mal auf Kontrabass und Geige, dann wieder mit unzähligen selbst gebastelten oder umfunktionierten Instrumenten. Die Schauspieler nehmen die Rhythmik auf, brauchen die aufklappbaren roten Blechtische als Stampfboden, die Stahlwand als «Wettermacherin», die Musikdose als Kuh. Mit dem kargen Bühnenbild und unverfroren tief aus der «Verkleiderlikiste» hervorgekramten Trouvaillen wie einem Fuchsfell, alten Skistöcken oder einem hässlichen Lackmantel ist Ausstatterin Brigit Kofmel ein wahres Kunststück gelungen.

Dass die Mär versöhnlich oben im Himmel endet, ist irgendwie absehbar – und geschieht nach eineinhalb Stunden doch so plötzlich, dass der Wunsch aufkommt, die Glarner Bergwelt möge noch mehr ihrer Geschichten erzählen. 

Hintergrund

Projektentwicklung

2007 produzierte theater konstellationen „Quatemberkinder“.
Der Roman des Schweizer Autors Tim Krohn stand wochenlang auf der Bestsellerliste und wurde in einer Fassung von Jonas Knecht und Anja Horst mit großem Erfolg in St. Gallen und Zürich aufgeführt (Regie: Jonas Knecht).

Anlässlich der Buchpremiere von Krohns Folgeroman zu „Quatemberkinder“,
„Vrenelis Gärtli“, realisierte theater konstellationen 2007 eine szenische Lesung in den Sophiensaelen Berlin.
Der Abend wurde vom Berliner Publikum mit Begeisterung aufgenommen, und aus zwei geplanten Vorstellungen wurden drei komplett ausverkaufte.

Dieser Erfolg war für die künstlerische Leitung der Sophiensaele Anlass, sich als dritter Koproduktionspartner neben dem Theater Chur und der Roten Fabrik in Zürich für ein abendfüllendes Theaterstück anzubieten.

Mit „Vrenelis Gärtli“ untersucht theater konstellationen einmal mehr auf spielerische Weise den Begriff „Heimat“. Dabei sind die Alpen nicht nur als konkrete, sondern auch – und vor allem – als metaphorische Landschaft aufzufassen, womit gesagt ist, dass auch der urbane Flachländer seine „Alpen“ hat.
Wie sehr Tim Krohns eigenwillige Sprache – eine Kombination aus Hochdeutsch und schweizerdeutsch anmutenden Elementen – diese „inneren Alpen“ zu beschreiben und damit in ihren Höhen und Tiefen auszuloten vermag, hat die Berliner Lesung bzw. das faszinierte Publikum gezeigt. 

In einer Spielfassung von Anita Augustin und Jonas Knecht, der auch Regie führt, wird ein Team aus vier Schauspielern und zwei Live-Musikern mit dem Publikum diesseits und jenseits der Alpen eine Bergtour der besonderen Art unternehmen.